[Video] Nachtrag: Sufi-Fest Moulid

Kreiselnde Männer, peitschende Rhythmen und eine Tüte Erdnüsse. Das Fest „Moulid“ in Kairo ist ein Tanz in den Trance.

Weiterlesen: Goethe-Institut Mein Nußmädchen auf deutsch und arabisch.

Die Menschenmenge schiebt und drückt, nimmt mich ein, verfügt über mich. Zur Rechten blinken Jahrmarktslichter und Kinder turnen in Schifferschaukeln umher. Links, im Rinnstein, schlafen Männer mit Bärten, die Masse schippert sie an mir vorbei. Auf dem Platz erscheint die prächtige Sayeda Zeinab Moschee. Sie gibt dem Arbeiterviertel um sie herum den Namen. Heute trägt sie ein Kleid aus blinkenden Lichterketten, wie zur Weihnachtszeit das Haus meiner Nachbarn in Deutschland, wenn sie es wieder einmal mit der Dekoration übertreiben.

Einmal im Jahr ist Sayeda Zeinab das Zentrum des Festes „Moulid“. Auch wenn es einige „Fatwas“ gibt, die das Fest bekämpfen, pilgern Menschen aus ganz Ägypten nach Kairo. Sie schlagen Lager am Straßenrand auf, mit nicht viel mehr als einem Teekocher und ein paar Teppichen und Tüchern. Logenbruderschaften sammeln sich im Garten um die Moschee, Kinder turnen herum und Haschischschwaden liegen in der Luft. Musik und Gebetsrufe überlagern sich zu einem seltsamen Klangteppich. Er wühlt mich auf.

Zwischen Honigkuchen, Tee- und Kaffeeständen

Dazwischen rufen fliegende Händler. Sie verkaufen alles, was sich irgendwie zu Geld machen lässt. Ein alter Mann, sein Gesicht scheint nur aus Furchen zu bestehen, stapelt Honigkuchen zu kleinen Türmchen, sein Nachbar verkauft Hütchen mit religiösen Losungen. Dazwischen dampfen Tee- und Kaffeestände und alte Frauen bieten den Koran in unzähligen Ausgaben an, vom Taschenheft bis zur Lederausgabe, besetzt mit goldener Kaligraphie.

Plötzlich Stille. Sie sitzt auf der Erde, inmitten eines aufgeplatzten Sackes Erdnüsse. Sie blickt mich an, dunkle Augen, schwarz und tief wie das Universum. Ein rotes Tuch betont ihr Haar mehr, als das es die dunklen Strähnchen zu verstecken mag. Nachher werde ich mich schlecht fühlen, da ich sofort an die Blumenhändlerin aus Paris dachte. Nie fragte ich nach ihrem Namen. Doch sie blieb mein Blumenmädchen. Auch in Kairo werde ich meine Chance verpassen. Ihr kleinen Hände stecken mir ein Tütchen Nüsse zu. Sie lächelt. Ich bekomme einen Schlag in den Rücken, drehe mich um, schaue in fliegende Fäuste und verliere mein Nussmädchen.

Fünf schwitzende Polizisten keilen sich durch die Menge. Ihr Opfer haben sie längst verloren. Zu einem Knäuel verworren schupsen sie die Menge und springen doch nur wie eine Kugel beim Billard als abgeschlossener Fremdkörper durch die Menschenmenge. Mein ägyptischer Begleiter packt mich am Hemdkragen und zieht mich in ein kleines Zelt. Das „Moulid“ hat begonnen.

Tänzer im Trance

Ein kleingewachsener Scheich trägt eine Brille, dick wie die Böden von Einweckgläsern. Auf seinem Kopf windet sich ein Turban und zerfließt mit seinem weißen Bart und der knöchellangen Galabeja. Er ruft in sein Mikrofon und klatscht zur Musik. Dabei wirkt er seltsam entrückt, ohne Anteilnahme an der zirkelnden Menge um ihn herum. Männer, wie der Scheich im traditionellen Gewand, werfen ihre Schultern hin und her, stampfen den Takt mit ihren nackten Füßen in den Teppich. Sie kreiseln um sich selbst, beugen den Oberkörper und werfen ihren Kopf in die Luft. Ihre Augen sehen mich nicht, sie starren nach innen. Tänzer im Trance.

Wieder einmal bin ich nicht Herr meiner selbst. Die Masse zieht und schiebt mich mitten rein ins Geschehen. Die Musiker mit ihren Geigen, Flöten und Trommeln peitschen mich an. Der Scheich lässt nicht locker. Ich kreisle umher, bewege meine Hüften, schwitze.

Zum zweiten Mal rettet mich die Hand meines Begleiters. Mir ist schwindelig, ich setze mich, außer Atem. Ein kleiner Junge drückt mir einen Plastikbecher mit ein paar Schlucken Wasser in die Hand. Das Gefäß ist gelb, wie das erste Trinkglas meiner Kindheit. Wie lange habe ich getanzt, fünf Minuten, fünf Stunden? Die Zeit ging mir verloren. Auf dem Nachhauseweg wird es schon langsam hell. Mit dem Gebetsruf zu Sonnenaufgang gehe ich ins Bett.

Am nächsten Morgen wird das „Moulid“ verschwunden sein, auf dem Weg nach Norden oder Oberägypten. Ich erwache aus meinem Traum. Ein Tütchen Nüsse liegt auf meinem Nachttisch.

Rico Valtin
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